BBS 1 Gifhorn

Virtuelle Sporthalle trifft KI: Wie die BBS 1 Gifhorn Bewegung neu denkt

Steckbrief

Schulname: BBS 1 Gifhorn

Stadt: Gifhorn

Bundesland: Niedersachsen

Schulform: Fachschule für Sozialpädagogik

Schüler:innen: ca. 2.000

Kollegium: ca. 130

VR-Sporthallte der BBS 1 Gifhorn
VR-Sporthallte der BBS 1 Gifhorn

So setzt die BBS 1 Gifhorn KI ein

Wie lässt sich Bewegungserziehung lehren, wenn die Sporthalle fehlt? Diese Frage stellte sich die BBS 1 Gifhorn und fand eine Antwort, die zeigt, wie Künstliche Intelligenz (KI) pädagogische Herausforderungen auf neue Weise lösen kann. Die berufsbildende Schule im niedersächsischen Gifhorn, an der rund 2.000 Schülerinnen und Schüler lernen, hat in ihrem Fachbereich Sozialpädagogik eine virtuelle Sporthalle entwickelt, die mit KI-gestützten Lernassistenten arbeitet.

Im Mittelpunkt des Projekts steht die Plattform EngageVR, auf der Lernende in virtuelle Bewegungswelten eintauchen. Hier können sie Trainingssituationen gestalten, pädagogische Bewegungsangebote planen und ausprobieren: vom kindgerechten Parcours bis zu kreativen Bewegungsspielen. Unterstützt werden sie dabei von zwei digitalen Begleitern: den Chatbots Heike und Mika.

Heike fungiert als Materialarchiv und liefert didaktische Hinweise sowie passende Unterrichtsmaterialien. Mika hingegen ist auf das Thema Bewegungserziehung spezialisiert und gibt fachliche Rückmeldungen, Tipps und Anregungen für die Praxisplanung. Beide Bots sind über eine eigens entwickelte, DSGVO-konforme KI-Plattform angebunden. Entwickelt wurde diese gemeinsam mit den Partnern UMZ (München) und CompT (Gifhorn). Die Besonderheit: Lehrkräfte können sogenannte CustomGPTs selbst gestalten und inhaltlich anpassen; ein Ansatz, der Datenschutz, Kontrolle und pädagogische Passung verbindet.

Stimmen aus der Praxis

Interview mit OStR Sven Ernstson und StR´Katrin Hillig
Was passiert, wenn eine Fachschule KI nicht nur testet, sondern ein eigenes Ökosystem aus Assistenzbots, VR-Lernräumen und kollaborativen Entwicklungsprozessen aufbaut? Im Interview berichten Sven Ernstson, Bildungsgangleiter der Fachschule Sozialpädagogik und Katrin Hillig, Lehrkraft Sozialpädagogik/Unterstützung der Abteilung Pflege und Soziales an der BBS I Gifhorn, wie KI an ihrer Schule zu einem kreativen Motor für Unterricht, Teamarbeit und die Ausbildung angehender Fachkräfte geworden ist.
 

Wie hat Ihre Schule die nötigen Kompetenzen entwickelt, um KI sinnvoll in Unterricht und/oder Schulorganisation zu integrieren?

Katrin Hillig: Unsere Schule hat KI-Kompetenzen durch ein konsequent praxisorientiertes Entwicklungsmodell aufgebaut. Zunächst haben wir niedrigschwellige Fortbildungen für das Kollegium durchgeführt, in denen KI nicht theoretisch, sondern anhand konkreter Unterrichtsszenarien erlebt wurde. Parallel dazu entstand unser eigenes KI-Ökosystem mit Heike als Assistenzsystem, Mika als pädagogischem Fach-KI-Bot und der VR-Sporthalle als immersivem Lernraum. Lehrkräfte und Lernende arbeiteten gemeinsamen an realen Entwicklungsaufgaben, etwa der Gestaltung KI-gestützter Lernarrangements oder eigener themenspezifischer Chatbots. So entstanden Erfahrungsräume, in denen Fachwissen, Methodenkompetenz und kritische Reflexion zusammenkommen. Unterstützt durch Feedbackschleifen, Praxismentorinnen und Praxispartner entwickelte sich KI Schritt für Schritt vom Experiment zum festen Bestandteil unseres Unterrichts und unserer Schulorganisation.

 

Welche Strukturen oder Formate haben geholfen, dass alle Beteiligten (Kollegium, SuS, Eltern) im Austausch bleiben?

Sven Ernstson: Damit alle Beteiligten kontinuierlich im Austausch bleiben, haben wir feste Kommunikations- und Reflexionsstrukturen etabliert. Zentrale Rolle spielen dabei unsere KI-gestützten Lern- und Arbeitsräume: Über TaskCards und Moodle wurden transparente Informationswege geschaffen, über die Lernende, Lehrkräfte und Praxismentor:innen jederzeit Einblicke in Projektstände, KI-Ergebnisse und Arbeitsprozesse erhalten. Ergänzend führen wir regelmäßige Dialogformate wie kollegiale Fallbesprechungen und wöchentliche Feedbackschleifen durch, in denen Erfahrungen mit Heike, Mika oder der VR-Sporthalle gemeinsam reflektiert werden. Durch diese Mischung aus digitalen Tools, offenen Austauschformaten und praxisnaher Zusammenarbeit entsteht eine Kultur, in der Kommunikation kontinuierlich, niedrigschwellig und für alle Beteiligten gut anschlussfähig bleibt.

 

Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl: „Jetzt verändert KI wirklich etwas an unserer Schule?“

Katrin Hillig: Der Moment, in dem wir spürten, dass KI unsere Schule tatsächlich verändert, kam während der ersten Durchführung der Lernsituation „360 Grad“. Als die Lernenden mithilfe unseres KI-Systems Mika eigene Bewegungslandschaften entwickelten und ihre Ideen anschließend in der VR-Sporthalle erlebbar machten, entstand ein völlig neuer Zugang zum Lernen. Plötzlich arbeiteten sie nicht mehr nur mit vorgegebenem Material, sondern gestalteten aktiv, reflektierten kritischer und nutzten KI als echte Unterstützung im fachlichen Denkprozess. Gleichzeitig übernahm Heike im Hintergrund organisatorische Aufgaben und entlastete Lehrkräfte spürbar. In diesem Zusammenspiel wurde deutlich: KI ergänzt nicht einfach den Unterricht, sondern schafft neue Lernräume, fördert Selbstständigkeit und verändert die Art, wie wir als Schule gemeinsam denken, planen und entwickeln.

 

Wie haben Sie erreicht, dass KI nicht als „Projekt Einzelner“, sondern als Gemeinschaftsaufgabe der Schule verstanden wird?

Sven Ernstson: Damit KI als gemeinsame Aufgabe verstanden wird, haben wir früh auf partizipative und transparente Entwicklungsprozesse gesetzt. Unser KI-Ökosystem entstand nicht in abgeschlossenen Pilotgruppen, sondern in interdisziplinären Teams, in denen Lernende, Lehrkräfte, Praxismentor:innen und Fortbildner gemeinsam arbeiten. Heike, Mika und die VR-Sporthalle wurden von Anfang an offen erprobt, diskutiert und weiterentwickelt, sodass alle Beteiligten Einblick in Chancen, Grenzen und Gestaltungsmöglichkeiten hatten.

 

Was war die größte Herausforderung auf dem Weg und wie haben Sie sie gelöst?

Katrin Hillig: Die größte Herausforderung bestand darin, die vielfältigen Beteiligten – insbesondere die Praxismentor:innen – eng in den Entwicklungsprozess einzubinden und gleichzeitig mit der hohen technischen Dynamik Schritt zu halten. Um diesen Spagat zu meistern, haben wir zunächst gemeinsame Fortbildungen etabliert, in denen Lehrkräfte, Lernende und Praxismentor:innen auf Augenhöhe mit KI-Tools, VR-Brillen und neuen Modellen experimentierten. Dabei arbeiteten wir bewusst ergebnisoffen: Nicht das perfekte Produkt stand im Vordergrund, sondern das gemeinsame Erkunden von Möglichkeiten. Eine positive Fehlerkultur war dabei zentral – Fehler wurden als Lernanlässe genutzt, aus denen alternative Wege und neue Lösungen entstanden. Parallel mussten wir flexibel auf technische Weiterentwicklungen reagieren, etwa neue VR-Headsets oder deutlich leistungsfähigere KI-Modelle. Durch kontinuierliche Anpassung, Transparenz und gemeinsame Reflexion gelang es uns, diese Dynamik nicht als Hürde, sondern als Motor unserer Schulentwicklung zu nutzen.

Drei Praxistipps für den KI-Einstieg
Wenn Schulen mit KI starten möchten, empfiehlt Sven Ernstson drei Grundsätze:
 

Erstens: KI braucht einen klaren pädagogischen Rahmen. Schulen sollten klein beginnen, aber mit einem klaren Ziel – zum Beispiel einem konkreten Lernarrangement, das durch KI tatsächlich einen Mehrwert bekommt. 

Zweitens: KI muss als Werkzeug verstanden werden, nicht als Ersatz für pädagogische Beziehung. Lernende sollten KI-Ergebnisse stets kritisch prüfen, reflektieren und mit Fachwissen verbinden. 

Drittens: Schulen sollten eine gemeinsame Lernkultur etablieren. Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie Praxispartner sollten gemeinsam experimentieren, Erfahrungen teilen und Formate entwickeln, die langfristig in den Schulalltag übergehen können. KI gelingt, wenn sie als gemeinsames Entwicklungsprojekt gedacht wird – nicht als technisches Einzelthema.

  • VR-Sporthallte der BBS 1 Gifhorn
    1 / 5 Foto: VR-Sporthallte der BBS 1 Gifhorn
  • KI im Einsatz an der BBS1 Gifhorn
    2 / 5 Foto: KI im Einsatz an der BBS1 Gifhorn
  • KI im Einsatz an der BBS1 Gifhorn
    3 / 5 Foto: KI im Einsatz an der BBS1 Gifhorn
  • StR' Katrin Hillig, Lehrkraft Sozialpädagogik, Unterstützung der Abteilung Pflege und Soziales an der BBS I Gifhorn, Copyright: Çaĝla Canidar
    4 / 5 Foto: StR' Katrin Hillig, Lehrkraft Sozialpädagogik, Unterstützung der Abteilung Pflege und Soziales an der BBS I Gifhorn, Copyright: Çaĝla Canidar
  • OStR Sven Ernstson, Bildungsgangleiter Fachschule Sozialpädagogik an der BBS 1 Gifhorn
    5 / 5 Foto: OStR Sven Ernstson, Bildungsgangleiter Fachschule Sozialpädagogik an der BBS 1 Gifhorn

Das Konzept entstand aus einem konkreten Bedarf: Studierende der Fachschule für Sozialpädagogik sollen lernen, Bewegungsangebote für unterschiedliche Zielgruppen zu konzipieren und anzuleiten. Fehlende räumliche Ressourcen erschwerten bislang diesen Praxisteil. Die virtuelle Lösung kompensiert diesen Mangel und bietet zugleich neue Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung.

Didaktisch verbindet das Projekt VR-Technologie, Gamification und individuelle Lernsteuerung. Über digitale Taskcards und Kannlisten werden Lernprozesse strukturiert und Lernziele transparent gemacht. Die Studierenden erhalten unmittelbares Feedback und können ihr Vorgehen reflektieren – unterstützt durch die KI-Bots. Damit entsteht ein Lernraum, der Theorie und Praxis eng miteinander verknüpft.

Auch technisch war der Aufwand beträchtlich: 15 VR-Brillen wurden angeschafft, die WLAN-Infrastruktur ausgebaut und eine sichere Serverarchitektur eingerichtet. Der Fachbereich arbeitete eng mit IT-Fachleuten und externen Partnern zusammen.

Langfristig soll die KI-Plattform weiterentwickelt werden. Geplant ist unter anderem eine Schnittstelle, die Reflexionsprotokolle automatisch in digitale Kompetenzportfolios der Lernenden überträgt. Außerdem wird geprüft, wie das Konzept auf andere Fachrichtungen – etwa Pflege oder Wirtschaft – übertragen werden kann.

Das Projekt der BBS 1 Gifhorn zeigt, wie KI nicht nur als technisches Werkzeug, sondern als didaktisches Instrument genutzt werden kann. Es reagiert auf reale Rahmenbedingungen, erprobt neue Lernformen und stellt den Menschen – Lehrende wie Lernende – in den Mittelpunkt. Statt die Sporthalle zu ersetzen, schafft die virtuelle Version einen neuen Raum für pädagogisches Lernen.

Kontakt

E-Mail: verwaltung@atbbs1-gifhorn.de

Telefon: 05371 9436 299 

Website: www.bbs1-gifhorn.de