Steckbrief
Schulname: BBS II Northeim
Stadt: Northeim
Bundesland: Niedersachsen
Schulform: Berufsbildende Schule
Schüler:innen: ca. 1.500
Kollegium: ca. 90
So setzt die BBS II Northeim KI ein
Die BBS II Northeim bildet in einem breiten Spektrum technischer und gewerblich-technischer Berufe aus. Rund 1.500 Schüler:innen lernen in acht Berufsfeldern, unterrichtet von etwa 90 Lehrkräften. Im Schwerpunkt Forst- und Agrarbildung setzt die Schule auf praxisnahes Lernen in Betrieben und im Gelände. Weil klassische Lehrwerke den aktuellen Bedarf nicht mehr abdecken, wurde KI als didaktisches Werkzeug etabliert.
Kern des Ansatzes sind drei eigens entwickelte, auf einem LLM basierende Fach-GPTs: ReGENius, ReGENius K9 und EcoTeach.
ReGENius verarbeitet umfangreiche Fachmaterialien aus Waldbau und Wildökologie, historische Klimareihen und Projektionen. Das System erstellt standortbezogene Prognosen bis 2100, schlägt Baumartenstrategien vor, empfiehlt Entnahmepunkte vor Erreichen klimatischer Grenzen und bewertet Managementpfade zwischen Wirtschaftswald, natürlicher Sukzession und Habitatentwicklung.
ReGENius K9 unterstützt bei der Erstbeurteilung von Rissen großer Beutegreifer und leitet Nutzer:innen durch die strukturierte Erfassung. Es verweist auf zuständige Beratungsstellen und gibt Lagemanagement-Hinweise, etwa nach Wildunfällen.
EcoTeach bündelt Waldpädagogik und BNE: Das System generiert altersgerechte Unterrichtsbausteine, bezieht regionale Klimaszenarien ein und liefert Methoden, um Klimawandel erfahrbar zu machen.
Stimmen aus der Praxis
- Interview mit Oberstudienrat Dr. Jens Hepper
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Dr. Jens Hepper, Oberstudienrat und Leiter der Bundesbeschulung für angehende Revierjägerinnen und Revierjäger an der BBS II Northeim, erzählt im Kurz-Interview, wie KI selbst im Wald zum Lernpartner werden kann: zwischen Klassenzimmer, Feldarbeit und Solarstrom.
Welche Strukturen oder Formate haben geholfen, dass alle Beteiligten (unter anderem Kollegium, Schülerinnen und Schüler, Eltern) im Austausch zu der Einführung von KI bleiben? Als ich erstmals über KI im Unterrichts- und Berufskontext berichtete, traf ich auf eine Mischung aus Faszination und Zurückhaltung; zwei Ausbilder berichteten von einer aus Sorge verursachten schlaflosen Nacht, welche die von mir aufgezeigten Möglichkeiten von KIs verursacht hatten. Daraus habe ich eine einfache Struktur entwickelt: Personen mit Sorgen und Ängsten erhielten von mir regelmäßig Informationen dazu, wie die Kommunikation mit KI funktioniert - vor allem durch Positivbeispiele. Zugleich habe ich diejenigen mit der geringsten Literacy gezielt in die Weiterentwicklung unserer eigenen KI eingebunden – nicht nur informiert, sondern beteiligt. So entsteht kontinuierlicher Austausch, Unsicherheiten werden offen angesprochen, und eine zu stark divergierende Kompetenzentwicklung wird vermieden.
Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl: „Jetzt verändert KI wirklich etwas an unserer Schule?“ Ende des zweiten Halbjahres 2024/25, kurz vor den Zeugnissen. Im Laufe des Schuljahres hatte ich zunehmend KI-Lösungen in den Unterricht eingebunden; der Einstieg war die Bestimmung von Pflanzen per KI, bei der sofort das große Interesse der Schülerinnen und Schüler sichtbar wurde. Am Schuljahresende besuchten und beurteilten die Lernenden ein zu renaturierendes Ökosystem – zunächst mit klassischen, analogen Lernmaterialien. Für den Abschlussbericht musste ich am geplanten Tag wegen zweier Parallelklassen vom ursprünglichen Plan abweichen und erlaubte der Klasse, die Renaturierung mit Hilfe einer KI zu finalisieren. Sie hatten dafür sechs Stunden Zeit, hätten ggf. nach vier gehen können – tatsächlich musste ich sie aus Rücksicht auf Reinigungskräfte und Hausmeister nach der achten Stunde aus dem Raum werfen.
Was war die größte Herausforderung auf dem Weg und wie haben Sie sie gelöst? Die größte Herausforderung war die Dezentralität: Unsere KI-Anwendungen sind für berufliche Settings im Freien gedacht. Für Lernende (und Kolleg*innen) war es schwer nachvollziehbar, wie man „draußen“ mit KI arbeitet – insbesondere ohne Internetverbindung. Dahinter steckt auch eine Grundfrage der Digitalität: auszuhalten, dass Arbeiten/Lernen gelegentlich erst nach Ortswechsel weitergehen kann, bis wieder Konnektivität besteht – auch im Büro. Praktisch gelöst habe ich zunächst die Energieversorgung: Für die Arbeit im Feld können parallel sieben Endgeräteausschließlich über Photovoltaik und Speichertechnik geladen werden. So blieb KI-gestütztes Arbeiten unabhängig vom Stromnetz möglich. Nächster Schritt ist der mobile Internetzugang, um die Lücke bei der Konnektivität im Gelände zu schließen.
- 3 Tipps für dem KI-Einstieg
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Wie gelingt der Einstieg in die Welt der Künstlichen Intelligenz an Schulen? Drei Praxistipps von Dr. Jens Hepper:
Dran bleiben: Ich hörte vor kurzer Zeit einen Vortrag, bei welchem der Referent eine komplexe Rechenaufgabe zeigte, die chatGPT nicht löste, sondern das Ergebnis fantasierte. Er sah es so, dass die KI noch immer nicht dazu in der Lage war, diese Rechnung zu lösen. Wenige Wochen später hat chatGPT ein Problem der konvexen Optimierung gelöst. KIs entwickeln sich stetig weiter - und da sind wir schnell bei Vergleichen zwischen einem modernen High-End Smartphone und einem Siemens C25.
Ängste nehmen: Viele Kolleginnen und Kollegen sind verunsichert, wenn es um die Integration von KI geht. Aber eigentlich kann KI genau für diese Lehrkräfte ideal sein. Mir hat es geholfen, mit künstlichen Intelligenzen so umzugehen, wie mit Schülerinnen und Schülern. Dabei ist die KI stets höflich und zuvorkommend - und profitiert scheinbar von eher klassischen Unterrichtsmethoden.
Gute Träume haben: Unsere Vorstellungen von KI sind stark durch die Popkultur geprägt. Sei es Blade Runner, Neuromancer, Matrix, Cyberpunk, das Terminator-Franchise, etc. so sind dies typischerweise Dystopien. Künstliche Intelligenzen, welche die Menschheit vernichten wollen. Von diesem Bild müssen wir uns trennen und einen Gegenentwurf schaffen, um die Akzeptanz von KI zu fördern. Wir müssen bewusst auf konstruktive Narrative setzen: etwa Solarpunk statt Cyberpunk – eine hoffnungsvolle, nachhaltige Zukunftsvorstellung, in der Technologie und auch KI gemeinwohlorientiert eingesetzt werden. So entsteht Akzeptanz statt Angst. Dazu gehört Medienbildung.