Steckbrief
Schulname: Berufsbildende Schulen Wechloy
Stadt: Oldenburg
Bundesland: Niedersachsen
Schulform: Berufsbildende Schule
Schüler:innen: ca. 3.200
Kollegium: ca. 120
So setzt die BBS Wechloy KI ein
Die Berufsbildenden Schulen Wechloy in Oldenburg gehören zu den vier regionalen Kompetenzzentren für berufliche Bildung der Stadt. Rund 3.200 Schüler:innen werden hier in den Fachrichtungen Wirtschaft, Recht und Verwaltung ausgebildet. Als Europaschule mit zahlreichen internationalen Kooperationen versteht sich die BBS Wechloy als moderne Bildungseinrichtung, die technologische Innovation, berufliche Praxis und pädagogische Verantwortung miteinander verbindet.
Mit dem Projekt „Schnackbar“ beschreitet die Schule neue Wege im Sprachunterricht. Ziel ist es, Sprachhemmungen abzubauen und kommunikative Handlungskompetenz zu fördern und das unterstützt durch Künstliche Intelligenz und Virtuelle Realität. Lernende betreten eine virtuelle Lernumgebung, in der sie mit KI-gestützten Avataren realistische Gesprächssituationen trainieren. Das System analysiert in Echtzeit Wortwahl, Grammatik und Aussprache und gibt unmittelbares Feedback. So entsteht ein individueller Übungsraum, der authentisches Sprechen, Fehlerfreundlichkeit und Motivation miteinander verbindet.
Technisch basiert die Schnackbar auf einer Kombination mehrerer KI-Komponenten: Sprachinteraktion, Spracherkennung sowie Text-to-Speech-Modelle für eine natürliche Sprachausgabe. In Kooperation mit einem EdTech-Start-up wurde die KI in eine immersive VR-Umgebung integriert. Alle Daten werden lokal und DSGVO-konform verarbeitet.
Stimmen aus der Praxis
- Interview mit Schulleiter Oliver Pundt
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Die BBS Wechloy in Oldenburg zeigt, dass der Wandel zur KI-Schule kein Zufall ist, sondern Ergebnis strategischer Planung, gezielter Weiterbildung und einer Kultur des gemeinsamen Lernens. Im Interview berichtet Schulleiter Oliver Pundt, wie seine Schule Kompetenzen aufgebaut hat, um KI verantwortungsvoll und wirksam in den Schulalltag zu integriere.
Wie hat Ihre Schule die nötigen Kompetenzen entwickelt, um KI sinnvoll in Unterricht und/oder Schulorganisation zu integrieren?
Die BBS Wechloy hat gezielt Kompetenzen entwickelt, um Künstliche Intelligenz sinnvoll in Unterricht und Schulorganisation zu integrieren. Ausgangspunkt war die strategische Verankerung von KI im Schulentwicklungsprozess mit einem eigenen KI-Entwicklungsteam. Lehrkräfte wurden durch Fortbildungen, Workshops und kollegiale Lernformate qualifiziert, während fünf Multiplikator*innen als KI-Coaches den Wissenstransfer sichern. Diese fünf Lehrkräfte wurden als KI-Manager vorab durch die IHK ausgebildet. In Fachgruppen erfolgte die praxisnahe Erprobung von KI-Tools, etwa zur Individualisierung von Lernprozessen, zur Unterrichtsplanung oder zur Lernstandsdiagnose. Ergebnisse wurden reflektiert und in die Schulorganisation integriert, beispielsweise zur Unterstützung von Planung, Evaluation und Kommunikation. Ergänzend wurden ethische Leitlinien und ein offener Umgang mit Chancen und Grenzen von KI etabliert. So entstand eine Schulkultur, die KI als Werkzeug für individuelles Lernen, Reflexion und Schulentwicklung versteht, mit dem Ziel, Lehrkräfte und Lernende gleichermaßen zu befähigen, KI verantwortungsvoll und wirksam zu nutzen.
Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl: „Jetzt verändert KI wirklich etwas an unserer Schule?“
Die ersten Versuche vor zwei Jahren haben mir gezeigt, dass da der sogenannte „Gamechanger“ auf uns als Schule zukommen könnte. Den einen Moment, in dem ich gespürt habe, jetzt verändert KI etwas, hatte ich, als ich mit der Meta-Quest-Brille einem virtuellen KI-Avatar gegenübersaß und mit ihm über die Entwicklung von KI sprach. Trotz der damaligen Verzögerung der Antworten kamen teilweise überraschend qualifizierte Aussagen und konkrete Hinweise. Dabei habe ich mich schnell wie in einem „echten Gespräch“ gefühlt. Wenige Wochen später haben wir die erste Version unseres Kommunikationscenters mit Schülerinnen und Schüler ausprobiert. Als ein Schüler danach sagte: „Das war der geilste Unterricht, den ich je hatte“, war für mich klar: KI kann Lernen nicht nur digitaler, sondern lebendiger und individueller machen. Sie aktiviert Lernende auf eine völlig neue Weise – nicht, weil sie ihnen etwas abnimmt, sondern weil sie sie ins Gespräch bringt. Seitdem ist für mich klar: KI verändert nicht ob wir lernen, sondern wie.
Wie haben Sie erreicht, dass KI nicht als „Projekt Einzelner“, sondern als Gemeinschaftsaufgabe der Schule verstanden wird?
Damit KI nicht als „Projekt Einzelner“, sondern als gemeinsame Aufgabe der ganzen Schule verstanden wird, braucht es drei Dinge: engagierte Pioniere, die bereit sind, zusammenzuarbeiten; eine gemeinsame Plattform zum Teilen guter Ergebnisse; und eine Schulkultur, die Innovation ermöglicht.
An den BBS Wechloy haben wir diese drei Ebenen bewusst aufgebaut: Wir haben allen Lehrkräften ein sechsstündiges Unterrichtskonzept zu KI-Grundlagen mit Materialien, didaktischen Hinweisen und Lösungen über Moodle zur Verfügung gestellt. Gleichzeitig wurde das Thema fest in die Schulentwicklung integriert – durch pädagogische Tage, unseren Digi-Day und die Sichtbarmachung erfolgreicher Projekte.
Ein vierter Faktor war entscheidend: Beharrlichkeit – und die Unterstützung durch die Schulleitung. In der Implementierungsphase wird die Schnackbar zusätzlich durch zwei ausgebildete Lehrer-VR-Coaches begleitet, die den Unterrichtenden während der Durchführung beratend und organisatorisch zur Seite stehen. Wichtig ist mir eine offene, angstfreie Haltung: KI soll bei uns nicht als Bedrohung, sondern als Chance verstanden werden, Unterricht individueller, wirksamer und menschlicher zu gestalten.
- Drei Praxistipps für den KI-Einstieg
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Oliver Pundt, Schulleiter der BBS Wechloy rät Schulen, die jetzt mit KI starten wollen:
- Einfach anfangen – aber mit Sinn: Warten Sie nicht auf das perfekte Konzept. Starten Sie mit einem kleinen, greifbaren Projekt, das Begeisterung weckt und lassen Sie Raum für Fehler und Lernen. Jede konkrete Erfahrung baut Vertrauen auf und nimmt Ängste.
- Gemeinsam gestalten statt allein probieren: Der größte Hebel liegt im Austausch. Holen Sie Kolleginnen und Kollegen früh ins Boot, teilen Sie Materialien und schaffen Sie Gelegenheiten, um sich Wissen anzueignen und gemeinsam zu reflektieren – z. B. bei schulinternen Lehrkräftefortbildungen oder in kleinen Erprobungsteams.
- Verankern statt verpuffen lassen: Begeisterung ist der Anfang, Struktur sichert jedoch den Erfolg. Binden Sie KI fest in Ihre Schulentwicklung ein, schaffen Sie klare Zuständigkeiten, Fortbildungsangebote und Freiräume. Wenn es nutzbare Ergebnisse gibt, zeigen und vorleben! So wird aus einem Experiment eine Haltung.