Steckbrief
Schulname: Bertha-von-Suttner-Schule Mörfelden-Walldorf
Stadt: Mörfelden-Walldorf
Bundesland: Hessen
Schulform: Integrierte Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe
Schüler:innen: ca. 2.200
Kollegium: ca. 200
So setzt die Bertha-von-Suttner-Schule KI ein
An der Bertha-von-Suttner-Schule in Mörfelden-Walldorf ist Lernen kein starres System, sondern ein dynamischer Prozess. Mit rund 2.000 Schüler:innen zählt die Schule zu den größten integrierten Gesamtschulen Hessens – und zu den innovativsten, wenn es um den Einsatz von Künstlicher Intelligenz geht. Ihr Ziel: Bildungsgerechtigkeit durch Individualisierung und Selbststeuerung.
Das pädagogische Herzstück der Schule ist das SegeL, das Selbstgesteuerte Lernen. Schon ab Klasse 5 übernehmen Kinder Verantwortung für ihren Lernprozess: Sie planen, reflektieren und dokumentieren ihre Fortschritte, immer begleitet von Lehrkräften, die als Lerncoaches agieren. In der Oberstufe führt das Konzept unter dem Namen InSeL (Individuelles Selbstgesteuertes Lernen) zu forschendem, projektorientiertem Arbeiten, das zunehmend KI-gestützte Werkzeuge integriert.
Stimmen aus der Praxis
- Interview mit Julian Fischer, Abteilungsleitung Organisationsentwicklung
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Wie gelingt es einer großen Schule, KI nicht nur punktuell einzusetzen, sondern strukturell zu verankern – trotz begrenzter Ressourcen und komplexer Rahmenbedingungen? Im Interview berichtet Julian Fischer, Abteilungsleiter für Organisationsentwicklung an der Bertha von Suttner Schule, wie strategische Impulse, offene Austauschformate und viel Beharrlichkeit dazu geführt haben, dass KI zunehmend zum gemeinsamen Entwicklungsthema seiner Schule geworden ist.
Wie hat Ihre Schule die nötigen Kompetenzen entwickelt, um KI sinnvoll in Unterricht und/oder Schulorganisation zu integrieren?
Es ist ein laufender Prozess, der vor allem durch das gemeinsame Tun lebt. Ein wichtiger Meilenstein war unsere Teilnahme am KI-Innovationslabor der Robert-Bosch-Stiftung. Das hat uns Zugang zu vielen Expertinnen und Experten, Austausch mit anderen Schulen und den Rahmen gegeben, um jenseits des Alltagsgeschäfts strategisch zu denken.
Für internen Kompetenzaufbau setzen wir auf viele kleine, vernetzte Schritte: Unser selbst organisiertes KI-Forum hat externe Impulse (z.B. von Andreas Dengel, Axel Krommer, Joscha Falk) direkt in die Schulgemeinschaft gebracht. Intern ist der Austausch entscheidend: In unserem virtuellen Lehrkräftezimmer (ein Chatraum) diskutieren wir offen über KI-Leitlinien, und in Mikrofortbildungen teilen Kolleginnen und Kollegen ganz pragmatisch, wie sie KI im Unterricht nutzen – oder wo sie scheitern. In Pädagogischen Konferenzen arbeiten wir an bestimmten Teilschritten in einzelnen Workshopgruppen, um bspw. Leitlinien, Prozesse oder Unterrichtsbeispiele zu entwickeln. Weitere Fortbildungsangebote, wie von der Lehrkräfte Akademie oder Fobizz werden gezielt an Teams aber auch an das gesamte Kollegium kommuniziert.
Welche Strukturen oder Formate haben geholfen, dass alle Beteiligten (Kollegium, SuS, Eltern) im Austausch bleiben?
Wir versuchen, eine Feedbackkultur zu etablieren. Regelmäßige digitale Abfragen helfen uns, die Stimmung und die Bedarfe im Kollegium realistisch einzuschätzen. Unser Pädagogischer Tag mit dem "Golden Circle"-Format war wichtig, um erst einmal das "Warum" und das “Wie” zu klären, bevor wir über das “Was” sprechen.
Uns hilft das Bilden von kurzlebigen Taskforces, die sich gezielt Problemen wie den Prüfungsleitlinien widmen. Mit dem Schulträger sind wir in ständigen, manchmal zähen Verhandlungen über die Ausstattung und mit dem Schulamt sind wir ebenfalls viel im Austausch. Wir haben bspw. zu mehreren Gesprächsrunden für das Entwickeln einer IT-Cloud und einer lokalen KI initiiert. Mit den Eltern stehen wir über den Schulelternbeirat aber auch direkt über unseren Schulmessenger in Kontakt. Um die benötigte Ausstattung an digitalen Endgeräten zu verbessern organisierten wir kürzlich einen Elterninformationsabend, gemeinsam mit dem Schulträger.
Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl: „Jetzt verändert KI wirklich etwas an unserer Schule?“
Das war am ehesten an unserem Pädagogischen Tag. Dort liefen die strategischen Fäden und die praktischen Versuche zum ersten Mal sichtbar zusammen. Als Kolleginnen und Kollegen am Ende des Tages ihre selbst entwickelten Umsetzungsideen präsentierten – von konkreten Unterrichtsszenarien bis zu neuen Prüfungsformaten – war eine breite Resonanz spürbar, der Kompetenzzuwachs ebenfalls.
Da war spürbar, dass KI nicht nur ein zusätzliches Thema für Interessierte ist, sondern eine gewisse Bedeutsamkeit in der Breite der Schule wahrgenommen wird.
Wie haben Sie erreicht, dass KI nicht als „Projekt Einzelner“, sondern als Gemeinschaftsaufgabe der Schule verstanden wird?
Indem wir KI nicht als isoliertes "IT-Projekt" behandelt haben, sondern es dort verankert haben, wo wir ohnehin schon arbeiten: in unseren Konzepten zum Selbstgesteuerten Lernen (SegeL), der individuellen Förderung, im Kompetenzrahmen des Mediencurriculums und anderem mehr.
Das Thema KI ist so disruptiv, dass es ohnehin alle betrifft. Wir bemühen uns diese disruptive Wirkung klar zu kommunizieren, also, dass KI alle Fächer und alle Lebensbereiche betrifft und verändert. Wir thematisieren auch die Unsicherheiten und ethischen Fragen ganz offen. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt, weil wir alle gemeinsam lernen müssen, damit umzugehen.
Alle unsere Maßnahmen zu Partizipation und Kompetenzentwicklung sind ebenfalls große Gelingfaktoren.
Was war die größte Herausforderung auf dem Weg und wie haben Sie sie gelöst?
Die größte Herausforderung ist die Diskrepanz zwischen unserem pädagogischen Anspruch und den realen Rahmenbedingungen einer riesigen Schule. Datenschutzvorgaben haben uns oft ausgebremst, Budgets waren plötzlich weg.
Wir haben gelernt, dass wir einen langen Atem brauchen. Wir suchen ständig nach kreativen Lösungen – sei es durch die Umschichtung interner Mittel oder den Aufbau eigener, datenschutzkonformer Server-Lösungen, was technisch anspruchsvoll, aber notwendig ist. Auch bei den Endgeräten kämpfen wir weiter um jeden Koffer und jede Finanzierungsmöglichkeit. Wir haben die Probleme nicht "gelöst" im Sinne von "abgehakt", sondern wir haben gelernt, konstruktiv und beharrlich mit ihnen umzugehen.