Steckbrief
Schulname: Carl-Fuhlrott-Gymnasium Wuppertal
Stadt: Wuppertal
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Schulform: Gymnasium
Schüler:innen: ca. 1.500
So setzt das Carl-Fuhlrott-Gymnasium KI ein
Am Carl-Fuhlrott-Gymnasium (CFG) Wuppertal lernen mehr als 1.500 Schüler:innen auf einem Campus, der Planetarium, Astrostation, Schülerforschungszentrum und einen 2.000-Quadratmeter-Schulgarten umfasst. Das Motto „Alles für alle“ beschreibt den Anspruch gut: kein selektives Profil, sondern offene Zugänge zu Robotik, Astronomie, Musik, Kunst und Sprachen. In diese Kultur der Neugier integriert die Schule Künstliche Intelligenz als ein Werkzeug für bessere Lernprozesse.
KI kommt am CFG nicht von außen, sondern aus dem Unterricht heraus. Lehrkräfte entwickeln eigene didaktische KI-Agents. Diese digitalen Lernbegleiter führen Schüler:innen schrittweise zum Ziel, statt Antworten vorzugeben. So wird KI zum Coach, der durch kluge Rückfragen und Impulse das Denken anregt. Ergänzt wird das System durch FelloFish, das automatisiertes Feedback für große Lerngruppen liefert, und Classtime, das Lernstände analysiert und Lehrkräfte entlastet. Fobizz dient als Assistenztool für Planung, Materialerstellung und Reflexion.
Parallel wächst der Schulbot „Carl“ – ein internes Agentensystem, das Wissen bündelt, häufige Fragen beantwortet und das Kollegium organisatorisch unterstützt. Auch ein Prompt-Framework-Bot wurde eigens entwickelt: Er hilft Schüler:innen, ihre Anfragen an KI präziser zu formulieren, und stärkt so das Verständnis für den Umgang mit Sprache und Information. Prompting wird zu einer Kompetenz, die reflektiert gelernt und praktisch angewendet wird.
Stimmen aus der Praxis
- Interview mit Felix Urban, KI-Schulkoordinator am Carl-Fuhlrott-Gymnasium
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Wie kann eine Schule KI so verankern, dass Innovation nicht zufällig entsteht, sondern Teil der täglichen Lernkultur wird? Im Kurz-Interview berichtet Felix Urban, KI-Schulkoordinator am Carl-Fuhlrott-Gymnasium Wuppertal, wie strategische Strukturen, eine experimentierfreudige Schulgemeinschaft und eigens entwickelte KI-Bots seine Schule zu einem echten Zukunftslabor gemacht haben.
Wie hat Ihre Schule die nötigen Kompetenzen entwickelt, um KI sinnvoll in Unterricht und/oder Schulorganisation zu integrieren?
Wir entwickeln Kompetenzen ganzheitlich, getragen von einem neugierigen und experimentierfreudigen Kollegium. Aus dieser Haltung entstehen viele Pilotprojekte, die Lehrkräfte intern vorstellen, um für Innovationen und neue Ansätze zu begeistern. Ein zentrales Format hierfür ist unser „Digitales Kaffeetrinken“: niederschwellige Online-Kurzfortbildungen von Lehrkräften für das Kollegium. Ergänzend haben wir eine KI-Sprechstunde etabliert und setzen auf interne sowie externe Fortbildungen und pädagogische Tage. Diese Kultur verankern wir strukturell durch Beförderungsstellen, Teamteaching-
Ressourcen und KI-Koordinatoren, welche die Lehrplan-Integration forcieren. Als KIMADU-Pilotprojektschule setzen wir zudem Lizenzen für FelloFish und Sidekick ein, gestützt auf unsere 1:1-iPad-Ausstattung. Parallel dazu erwerben Schülerinnen und Schüler Medienkompetenz durch unseren iPad- und KI-Führerschein Workshops unserer Medienscouts. Elternexpertise binden wir beratend ein und vernetzen uns überregional, etwa im Deutschen Lehrkräfte Forum oder als Initiatoren eines Zukunftsschulen-NRWNetzwerks zum Thema „Produktiver Einsatz von KI und zeitgemäße Prüfungskultur“.Wie haben Sie erreicht, dass KI nicht als „Projekt Einzelner“, sondern als Gemeinschaftsaufgabe der Schule verstanden wird?
Wir haben KI offiziell als Schulentwicklungsziel definiert und insofern strategisch verankert. Damit das Thema nicht isoliert bleibt, gibt es KI-Beauftragte in jeder Fachschaft und KI-Schulkoordinatoren, die einerseits schulkonzeptionell am produktiven Einsatz von KI für alle Beteiligten arbeiten und andererseits den Transfer in die fachspezifische Breite sichern. Unterstützt wird dies durch systematische Unterrichtsevaluationen in Bereichen, in denen KI zum Einsatz kommt. Die Schulleitung flankiert diesen Weg aktiv durch eine ressourcenorientierte Unterrichtsverteilung, die Freiräume schafft. Zudem wirken viele Kolleginnen und Kollegen als Multiplikatoren aus der Lehrerfortbildung in die Schule hinein. Der Impuls ist dabei keine Einbahnstraße: Unsere Schülerinnen und Schüler treiben
die Entwicklung gleichzeitig intrinsisch voran, etwa indem sie im „Drehtürprojekt“, einem unserer Konzepte zur Begabungsförderung, eigenständig KI-Bots entwickeln. Gemeinsam mit einer Elternschaft, die zukunftsorientierte Bildung aktiv einfordert, wird KI so zur gelebten Gemeinschaftsaufgabe.Was war die größte Herausforderung auf dem Weg und wie haben Sie sie gelöst?
Die größte Herausforderung war und ist, angesichts der disruptiven Geschwindigkeit der KI-Entwicklung den Überblick zu behalten und pädagogisch Sinnvolles zu filtern. Wir orientieren uns dabei auch daran, wie in der Wirtschaft professionell mit KI gearbeitet wird.
Ein zentrales Problem dabei ist, dass herkömmliche KI-Modelle direkt die Lösung vorgeben. Um echtes Lernen zu ermöglichen, mussten wir in Abhängigkeit von aktueller Forschung eigene Bots entwickeln, die das Denken für unsere Schülerinnen und Schüler nicht übernehmen, sondern als intellektuelle Sparringspartner oder Lerncoaches agieren. Den Rahmen bildet unser PRISMA-Modell als dynamisches Schulentwicklungsinstrument. Potenziale und Risiken werden hierbei beständig neu ermittelt. Der Baustein „Analyse“ dient als konzeptionell verankerte Rückkopplung. Durch einen auf Studien gestützten Evaluationsbogen und beständigen Erfahrungsaustausch machen wir unseren KI-Einsatz messbar, um Integrationen gezielt anzupassen, zu erweitern oder bei fehlendem Mehrwert wieder aufzugeben.
- Drei Praxistipps für den KI-Einstieg
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Diese drei Tipps gibt Felix Urban Schulen, die jetzt selbst mit KI durchstarten wollen:
1. Neugier aktiv fördern und Räume zum Ausprobieren schaffen
KI wird unsere Gesellschaft langfristig prägen und längst Alltag in Schulen. Die Flucht nach vorne ist der einzige Ausweg. Deswegen ist es entscheidend, in Schulen eine offene, neugierige Haltung zu etablieren, um den KI-Einsatz in produktive Bahnen zu überführen. Lehrkräfte und Lernende sollten früh erleben, wie KI den Unterricht bereichern kann, etwa durch personalisierte Lernwege, kreative Einstiege oder differenzierte Unterstützung. Solche niedrigschwelligen Erfahrungen senken Berührungsängste und machen deutlich, dass es sich lohnt, sich jetzt mit KI auseinanderzusetzen.
2. Digitale Mündigkeit stärken und verantwortliche Nutzung ermöglichen
Schulen sollten klare Leitlinien entwickeln, die helfen, Chancen zu nutzen und Risiken bewusst zu steuern. Dabei geht es nicht um starre Regeln, sondern um reflektierte Orientierung: Wie bewertet man KI-Ergebnisse? Wie verhindert man, dass Lernende das eigene Denken an die KI delegieren? Wo liegen Datenschutzgrenzen? Und wie bleibt der Mensch Entscheider? Gerade junge Menschen brauchen eine solide digitale Mündigkeit, um KI später in Bildung, Beruf und Gesellschaft kritisch, kompetent und selbstständig einsetzen zu können.
3. Dynamische Schulentwicklung etablieren und Zukunftskompetenzen gezielt fördern
Da sich KI rasant weiterentwickelt und das neuste KI-Modell von heute schon jetzt der Neandertaler von morgen ist, müssen Schulen viel agiler werden: ausprobieren, evaluieren, anpassen und das kontinuierlich im Licht der aktuellsten Forschung. Parallel dazu sollten Schulen Lernräume konsequent auf Kompetenzen ausrichten, die im KI-Zeitalter unverzichtbar werden: Problemlösen, Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation und Kollaboration. KI kann hier wertvolle Unterstützung leisten. Doch entscheidend bleibt, dass Menschen lernen, Verantwortung zu übernehmen und ihre eigene Handlungsfähigkeit
zu bewahren und zu stärken.