Steckbrief
Schulname: Carl-Orff-Grundschule
Stadt: Wiesbach
Bundesland: Rheinland-Pfalz
Schulform: Grundschule
Schüler:innen: ca. 90
Kollegium: < 10
So setzt die Carl-Orff-Grundschule KI ein
Die Carl-Orff-Grundschule Wiesbach liegt am Rand des Pfälzerwaldes und wird von rund 90 Kindern besucht. Als kleine, einzügige Schule versteht sie sich als lebendiger Lern- und Lebensort, an dem individuelle Förderung, soziales Lernen und praxisorientierter Unterricht im Mittelpunkt stehen. Neben Projekten zu Gesundheit, Kultur und Nachhaltigkeit spielt auch die digitale Bildung eine wachsende Rolle: von Robotik über 3D-Druck bis hin zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz.
Mit dem selbst entwickelten Projekt „Krisenhelfer RLP“ nutzt die Schule KI auf eine bislang seltene Weise: nicht im Unterricht, sondern in der Schulorganisation und Prävention. Der KI-gestützte Chatbot unterstützt die Schulleitung und das Kollegium dabei, in Krisensituationen schnell und strukturiert zu handeln. Grundlage ist die offizielle Handreichung „Krisenmanagement – Handreichung für den Umgang mit Krisensituationen an Schulen“ des Pädagogischen Landesinstituts Rheinland-Pfalz (2019).
Technisch basiert der Krisenhelfer auf der vom Land bereitgestellten Plattform fobizz, die eine datenschutzkonforme Nutzung von KI (GPT-4o) ermöglicht. Nutzerinnen und Nutzer geben eine kurze Beschreibung des Vorfalls ein – etwa einen Konflikt, einen Unfall oder einen Fall von Gewalt – und erhalten in Sekunden strukturierte Handlungsempfehlungen, Checklisten und Seitenverweise auf die entsprechenden Kapitel des Krisenordners. Die KI klassifiziert die Situation, schlägt Zuständigkeiten vor und bietet konkrete Schritte zur Bewältigung an. Entscheidungen bleiben stets in der Verantwortung der Schulleitung.
Stimmen aus der Praxis
- Interview mit Barbara Ziegler, Schulleiterin
-
Wie wächst eine Schule in die Arbeit mit Künstlicher Intelligenz hinein? Im Interview berichtet Schulleiterin Barbara Ziegler, wie sich aus Gesprächen, Experimenten und reflektierter Praxis Schritt für Schritt eine verantwortungsvolle KI-Kultur entwickelt hat.
Wie hat Ihre Schule die nötigen Kompetenzen entwickelt, um KI sinnvoll in Unterricht und/oder Schulorganisation zu integrieren?
Wir befinden uns noch mitten im Prozess, die nötigen Kompetenzen zu entwickeln. Entscheidend war, dass aus Gesprächen der Lehrkräfte untereinander Möglichkeiten und Erkenntnisse entstanden: Wo kann KI uns wirklich entlasten, wo schafft sie einen Mehrwert? Lehrkräfte probierten KI direkt an eigenen Materialien und im Unterricht aus und berichteten ihre Erfahrungen – positive wie negative – im Team. Dadurch wurden sie Multiplikatoren und ganz nebenbei entstanden kleine Mikrofortbildungen. Gleichzeitig mussten klare Regeln zum Datenschutz festgelegt werden, um Vertrauen zu schaffen. KI ist bei uns kein Einzelprojekt, sondern ein Werkzeug und Unterstützungsinstrument, das wir gemeinsam entdecken und reflektieren. Kolleginnen nutzen sie unterschiedlich intensiv: Manche schon regelmäßig, andere noch skeptisch und zurückhaltend, erkennen aber den Nutzen bei den Kolleginnen. So entwickelt sich Schritt für Schritt eine Kultur des Ausprobierens. Wir befinden uns im Prozess, der selbstbestimmt, verantwortungsvoll und nachhaltig angelegt ist. Niemand weiß, wohin sich die KI entwickelt.
Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl: „Jetzt verändert KI wirklich etwas an unserer Schule?“
Es gab keinen einzelnen Moment, sondern eher ein allmähliches Wahrnehmen im Schulalltag: Wir bemerkten, dass sich Pausengespräche zunehmend um KI drehten und Lehrkräfte darüber berichteten, welche Vorteile sie selbst erlebten. Sie merkten, dass KI ein Ideengeber sein kann und Aufgaben schneller erledigt werden können, sodass wieder mehr Zeit für die Kinder bleibt. Ein Beispiel ist die individuelle Anpassung von Fördermaterialien oder die schnellere Bearbeitung von Dokumentationen. Ebenso spürbar war die Wirkung unseres eingereichten Projekts, dem „Krisenhelfer“: Lehrkräfte konnten akute Situationen strukturierter angehen, Handlungsentscheidungen sicherer treffen und die offiziellen Handreichungen gezielt nutzen, ohne Zeit zu verlieren.
Dieses allmähliche Erkennen, dass KI auf vielen Ebenen den Schulalltag entlasten kann, machte deutlich, dass KI bei einem reflektierten Einsatz ein echter Unterstützer für pädagogisches Handeln, Organisation und Kommunikation sein kann.
Was war die größte Herausforderung auf dem Weg und wie haben Sie sie gelöst?
Eine Herausforderung ist, dass Lehrkräfte sehr unterschiedlich an KI herangehen. Manche probieren sie direkt aus, andere sind skeptisch oder nutzen sie bisher kaum, was völlig in Ordnung und auch natürlich ist. Hinzu kommen Datenschutzfragen und die Sorge, dass KI eher vorgibt, statt zu unterstützen und Entscheidungen beeinflusst. Diesen Bedenken begegnen wir im Gespräch. Kolleginnen können ihre Sorgen äußern, eigene Erfahrungen teilen, Beispiele zeigen und gemeinsam reflektieren, was gut funktioniert und wo Grenzen liegen. Es gibt nicht die „größte“ Herausforderung, denn die stetige Weiterentwicklung von KI stellt eine dauerhafte Aufgabe dar, mit der Schule und Lehrkräfte umgehen müssen. Sie ist Teil unseres kontinuierlichen Lernprozesses, der immer wieder neue Fragen aufwirft und reflektiert werden muss. So wächst Schritt für Schritt eine Kultur, in der KI verantwortungsvoll, praxisnah, gemeinsam und aus unterschiedlichen Perspektiven genutzt wird.
- Drei Praxistipps für den KI-Einstieg
-
Diese drei Tipps gibt Barbara Ziegler Schulen an die Hand, die sich dem Thema KI nähern wollen:
Starten Sie mit Zielen, nicht mit Technik. Fragen Sie sich: Was soll in unserem Schulalltag wirklich besser werden? Wo kann KI konkret entlasten? (z.B. in der Elternkommunikation, bei organisatorischen Abläufen oder in der individuellen Förderung). Aus den Zielen ergeben sich automatisch Prioritäten und Ideen.
Pädagogik vor Technik. Entscheidungen müssen sich an den Bedürfnissen unserer Schülerinnen und Schüler, an Bildungszielen und am Datenschutz orientieren, nicht an Trends. Wählen Sie nur Tools, die didaktisch Sinn ergeben und transparent arbeiten. Legen Sie klare, einfache Regeln fest: keine personenbezogenen Daten, klare Zuständigkeiten und eine kurze Reflexion im Team zur Wirkung. KI soll das Lernen unterstützen, nicht steuern.
- Klein, sicher und gemeinsam starten. Wählen Sie ein bis zwei Themen, die im Kollegium ohnehin anstehen und erproben Sie diese gemeinsam. Skepsis ist kein Hindernis, ganz im Gegenteil. Hören Sie kritische Stimmen bewusst an. Sie zeigen, wo die Stolpersteine liegen. Wenn Kolleginnen und Kollegen erleben, dass KI tatsächlich entlastet und Ergebnisse verbessert, wächst die Akzeptanz ganz von selbst. So entsteht eine Kultur des Lernens. Genau das brauchen Schulen heute.