Steckbrief
Schulname: Ernst-Reuter-Schule
Stadt: Pattensen
Bundesland: Niedersachsen
Schulform: Kooperative Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe
Schüler:innen: ca. 1.000
Kollegium: ca. 120
So setzt die Ernst-Reuter-Schule KI ein
Die Ernst-Reuter-Schule (ERS) im niedersächsischen Pattensen ist eine kooperative Gesamtschule mit rund 1.100 Schülerinnen und Schülern. Sie bietet alle Schulabschlüsse vom Förderschulabschluss bis zum Abitur und ist seit 2023 als „Zukunftsschule“ ausgezeichnet. Mit ihrem neuen Fach Cyberethik setzt die Schule ein Zeichen dafür, dass Künstliche Intelligenz nicht nur ein Werkzeug, sondern ein zentrales Bildungsthema ist.
Das Fach Cyberethik wurde 2023 vom schulinternen „DigiPäd“-Team entwickelt und fest im Jahrgang 8 verankert. Hier lernen die Jugendlichen, wie KI funktioniert, wo ihre Chancen und Grenzen liegen und wie sie verantwortungsvoll genutzt werden kann. Themen wie Bias und Fairness, Fake News, KI und Klima oder KI und Berufsorientierung werden praxisnah und altersgerecht behandelt. Damit ergänzt Cyberethik den Informatikunterricht um eine gesellschaftlich-ethische Perspektive und fördert eine reflektierte Haltung zu digitalen Technologien.
Zum Einsatz kommen verschiedene KI-Tools, die die Lehrkräfte nutzen, um Unterrichtsmaterialien zu erstellen oder Lernprozesse zu begleiten. Schülerinnen und Schüler arbeiten in geschützten, datenschutzkonformen digitalen Klassenräumen, die über Drittanbieter bereitgestellt werden. KI wird dabei sowohl als Lernhilfe als auch als Gegenstand kritischer Auseinandersetzung eingesetzt.
Stimmen aus der Praxis
- Interview mit Ann-Kathrin Kallies, Koordinatorin Digitalisierung
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Wie es gelingt, Kompetenzen im Kollegium strategisch aufzubauen und KI als gemeinsames Entwicklungsprojekt zu verankern, darüber spricht Ann-Kathrin Kallies, Koordinatorin für Digitalisierung an der Ernst-Reuter-Schule, im Interview.
Wie hat Ihre Schule die nötigen Kompetenzen entwickelt, um KI sinnvoll in Unterricht und/oder Schulorganisation zu integrieren?
Unsere Schule verfügt bereits seit März 2022 über ein digital-pädagogisches Team (bestehend aus sieben Lehrkräften und drei städtischen Admins)- kurz DigiPäd-Team-, welches sich intensiv mit den administrativen und pädagogischen Konzepten der Schulentwicklung im Bereich der Digitalisierung beschäftigt. Innerhalb des Teams werden die Kompetenzen durch Eigenengagement, Fortbildungen und Arbeitstage dauerhaft weiterentwickelt. Die gewonnenen Kenntnisse werden dann für das Kollegium überprüft und innerhalb von Inputs, Fortbildungen und im Dialog weitergetragen. Zudem verfügt die Schule seit 2020 über fobizz-Lizenzen, die es ermöglichen, sich dezentral fortzubilden. Im Jahr 2022 gab so fobizz die Möglichkeit, verschiedene Inputs zu der Entwicklung von ChatGPT zu belegen, die wir als Team für den schulinternen Fortbildungstag im Februar 2023 aufbereitet haben, über Sorgen und
Ängste gesprochen haben und nächste Schritte zum Umdenken von Lernprozessen identifiziert haben. Die systemisch-strukturelle Entwicklung wird von Seiten der Schulleitung dauerhaft gefördert, wodurch die Implementierung in alle Fachbereiche als ein Schulentwicklungsziel deutlich in den Vordergrund gerückt ist.
Neuentwicklungen, DSGVO-konforme Tools und Leitlinien werden stetig gesamtschulisch weiterentwickelt und fließen in das Fach Cyberethik, aber auch in die Unterrichtsentwicklung aller Fächer sowie in die kombinierten Leistungsnachweise ein.Wie haben Sie erreicht, dass KI nicht als „Projekt Einzelner“, sondern als Gemeinschaftsaufgabe der Schule verstanden wird?
Das Fach Cyberethik, welches wir in Jahrgang 8 als epochales Fach etabliert haben, ist explizit nicht an einen Fachbereich gekoppelt worden, sondern steht allein für sich und wird von den Klassenlehrkräften der jeweiligen Lerngruppe unterrichtet. Dies soll zum einen auf der pädagogischen Ebene gewährleisten, dass die Schüler:innen sich auch mit den teilweise emotional belastenden Themen wie FakeNews, Deepfakes und Cybergrooming nicht allein gelassen fühlen, und zum anderen eine sukzessive breite Auseinandersetzung mit den technischen und ethischen Basisthemen zu KI auf Seiten der Lehrkräfte bewirken. Den Lehrkräften werden über eine digitale Pinnwand Vorschläge zu ausgearbeiteten Unterrichtssettings und vertiefende Materialien für die eigene Auseinandersetzung bereitgestellt. Zudem werden an weiteren Stellen, wie beispielsweise in der Oberstufe, Methodentage zum Umgang mit KI implementiert, Prüfungsformate zu kombinierten Leistungsnachweisen umgearbeitet oder neu konzipiert und immer wieder Möglichkeiten der Unterrichtsentwicklung aufgezeigt.
Was war die größte Herausforderung auf dem Weg und wie haben Sie sie gelöst?
Die größte Herausforderung vor der die gesamte Lehrerschaft, aber im expliziten Fall des Fachs Cyberethik wir als DigiPäd-Team stehen, ist die schnelle Entwicklung von KI mitzudenken. Daher haben wir uns dafür entschieden, im Fach auf ein festes Curriculum zu verzichten. Stattdessen haben wir uns für eine Auswahl an möglichen Themenschwerpunkten entschieden, die jährlich auf Aktualität geprüft werden und verändert bzw. angepasst werden. So sind in diesem Jahr ganz konkret die Themen „KI und Mensch“ und „KI und Klima“ mit aufgenommen worden, die in den zwei Durchgängen zuvor noch nicht behandelt wurden. Die rasante Entwicklung und die Veränderung der Gesellschaft erfordern auf Seiten der Lehrkräfte eine hohe Flexibilität und Zeitressourcen, damit die Fachgruppe dies in die Unterrichtskonzepte mit einfließen lassen kann.
- Drei Praxistipps für den KI-Einstieg
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Diese drei Tipps gibt Digitalkoordinatorin Ann-Kathrin Kallies anderen Schulen mit auf den Weg:
Rückblickend auf unseren Entwicklungsprozess, aber auch mit dem Blick auf die Agenda, die wir im kommenden Jahr gesamtschulisch verfolgen, würde ich Schulen die Empfehlung geben, zunächst mit einer kleinen Gruppen aus Lehrkräften und interessierten Schüler:innen zu starten, die die KI-Bildung vorantreiben möchten.
Diese kann eine konkrete Jahrgangsstufe identifizieren, in der man mit der KI-Bildung gezielt einsetzen möchte, und bei der Konzeptionierung darauf achten, dies möglichst fest zu implementieren, damit es schrittweise in die Schulentwicklung mit aufgenommen wird. Aus diesem Projekt- oder Projektfach kann sich inhaltlich tief mit einem oder verschiedenen Bereichen der KI-Bildung auseinandergesetzt werden, woraus sich klare Leitlinien für den gesamtschulischen Prozess generieren.
Die Lehrkräftefortbildung ist hier essentieller Ansatzpunkt. Nur wenn Lehrkräfte in Bezug auf die Risiken und Chancen von KI geschult sind, kann eine reflektierte Nutzung in Unterrichts- und Prüfungssettings erfolgen. Dementsprechend sind kleine Fortbildung, bspw. zum AI-Act, die Bereitstellung von DSGVO-konformen KI-Tools wie bspw. fellofish oder fobizz und große Freiräume für fächerspezifische oder fächerübergreifende Unterrichtsentwicklung notwendig. Nur hieraus kann sich eine umfassende Auseinandersetzung und Veränderung der Aufgaben- und Prüfungsformate ergeben.