Steckbrief
Schulname: Hans-Carossa-Grundschule
Stadt: Passau
Bundesand: Bayern
Schulform: Grundschule
Schüler:innen: ca. 240
Kollegium: ca. 17
So setzt die Hans-Carossa-Grundschule KI ein
An der Hans-Carossa-Grundschule in Passau-Heining wächst digitale Neugier dort, wo Grundschule oft am greifbarsten ist: im Lesen, Schreiben, Musizieren und im gemeinsamen Entdecken. Die staatliche Schule mit rund 240 Kindern steht für ein bewegtes Lernklima, musikalische Exzellenz und eine klare Haltung zu Nachhaltigkeit. Seit Jahren prägen Chor, Orchester und Auftritte den Jahreslauf. Als BNE-Modellschule („Bildung für nachhaltige Entwicklung“) setzt die Hans-Carossa-Grundschule zugleich auf Verantwortung und Mitgestaltung. Jetzt erweitert das Kollegium dieses Profil um sorgfältig ausgewählte KI-Werkzeuge – pragmatisch, kindgerecht, datenschutzkonform.
Herzstück im Unterricht ist die Leseförderung. Mit EKidz trainieren Schüler:innen täglich Leseflüssigkeit und Textverständnis. Die App passt Texte an das individuelle Niveau an und ersetzt klassische Lesepässe durch unmittelbares Feedback. Das senkt Hürden für DAZ-Kinder und stärkt schwächere Leser:innen, ohne leistungsstarke auszubremsen. In Lernmax üben die Klassen Mathematik und Deutsch in kurzen, motivierenden Sequenzen, die Lehrkräfte gezielt steuern. So lassen sich Übungsphasen besser differenzieren und Lernfortschritte verlässlich beobachten.
Stimmen aus der Praxis
- Interview mit Andrea Krüger und Peter Freudenstein
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Im Interview berichten Andrea Krüger (Fachlehrerin und KI-Beauftragte) und Peter Freudenstein (Klassenlehrer und medienpädagogischer Berater Digitale Bildung), wie ihre Schule den Schritt gewagt hat, KI im Unterricht zu nutzen, welche Aha-Momente sie erlebt haben und welche Überraschungen KI im Schulalltag bereithält.
Wie hat Ihre Schule die nötigen Kompetenzen entwickelt, um KI sinnvoll in Unterricht und/oder Schulorganisation zu integrieren?
Andrea Krüger: Ehrlich gesagt war ich am Anfang das Zugpferd. Ich war sofort begeistert von den Möglichkeiten, die KI im Unterricht bieten kann, und wollte diese Begeisterung weitergeben. Also habe ich auf eine schulinterne Fortbildung bestanden, um das Kollegium mitzunehmen. Viele wussten bereits, wie man ChatGPT nutzt, hatten aber noch nicht erkannt, welches Potenzial darin steckt: etwa für differenzierte Aufgabenstellungen oder schnelle Unterrichtsvorbereitung. Nach dieser ersten Veranstaltung entstand der Wunsch nach einer Fortsetzung, und so haben wir beschlossen, es künftig locker zu halten: Wir treffen uns, wenn Bedarf besteht, wer möchte, kommt dazu. Es gibt keinen Fortbildungszwang, sondern nur echte Neugier. Oft entstehen die besten Ideen zwischen Tür und Angel, in unseren Lehrerchats oder in der Pause. Da tauschen wir Prompts, Fails und sonstige Erfahrungen aus. Die grundlegenden Kompetenzen sind bei uns keine echten Kompetenzen: Vor allem Offenheit und Mut zum Ausprobieren sind die gefragt.
Welche Strukturen oder Formate haben geholfen, dass alle Beteiligten (Kollegium, SuS, Eltern) im Austausch bleiben?
Peter Freudenstein: Im Kollegium läuft der Austausch ganz natürlich/intuitiv – wir reden ständig darüber, was funktioniert und was nicht. Das kann im Lehrerzimmer sein, im Chat oder spontan nach dem Unterricht. Es gibt keinen festen Rahmen, aber viele Gelegenheiten.
Andrea Krüger: Auf Wunsch des Elternbeirats habe ich (Andrea Krüger) außerdem einen Online-Elternabend zum Thema eKidz organisiert, damit alle Eltern denselben Wissensstand haben. Dafür konnte ich sogar den Geschäftsführer und Programmierer der App gewinnen. Das hat Vertrauen geschaffen und gezeigt, dass wir nicht einfach irgendwelche Lernspiele auswählen, sondern sehr bewusst entscheiden, was wir einsetzen.
Peter Freudenstein: Diese Transparenz und Offenheit haben uns als Schulfamilie enger zusammengebracht. Lehrkräfte, Eltern und Kinder wissen, was wir tun, und warum wir es tun.
Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl: „Jetzt verändert KI wirklich etwas an unserer Schule?“
Peter Freudenstein: Das war, als ich gemerkt habe, dass Kinder freiwillig an ihren Texten weiterarbeiten wollten und Kinder, die kaum etwas zu Papier bekommen, voller stolz einen richtig langen Text vorweisen konnten. Mit Fellofish bekommen sie sofort Rückmeldung, wo etwas gelungen ist und was sie verbessern können. Plötzlich entstand dieser Wunsch, es „nochmal besser“ zu machen. Da war klar: KI motiviert, ohne Druck auszuüben. Genauso bei unseren geprompteten ChatBots von Fobizz. Im Unterricht konnten die Kinder Fragen stellen, recherchieren und sich Sachverhalte auf ihrem Niveau erklären lassen, in einem sicheren, geschützten digitalen Raum, der durch Metaprompts nicht vom inhaltlichen Fokus abweicht. Auch bei den Lehrkräften hat sich etwas verändert. Viele merkten, wie viel Zeit KI tatsächlich spart, etwa bei der Unterrichtsplanung, beim Erstellen von Arbeitsblättern oder beim Formulieren von Elternbriefen. Bei einigen wurde da „die Handbremse gelöst“. Man kann schon feststellen, dass sich der Unterrichtsalltag und die Organisation wirklich verändern können, wenn man diese Werkzeuge bewusst nutzt.
Wie haben Sie erreicht, dass KI nicht als „Projekt Einzelner“, sondern als Gemeinschaftsaufgabe der Schule verstanden wird?
Andrea Krüger: Das war uns von Anfang an wichtig. Wir wollten, dass KI kein persönliches Hobby Einzelner bleibt. Darum haben wir von Beginn an transparent gearbeitet, Materialien geteilt, gemeinsam erstellt und so kleine Erfolgserlebnisse sichtbar gemacht. Nach der ersten Fortbildung kam von mehreren Kolleginnen und Kollegen der Wunsch nach einer Fortsetzung. Das war der Moment, in dem klar wurde: Das ist kein Einzelprojekt mehr, das trägt sich jetzt bald selbst.
Peter Freudenstein: Wir halten es bewusst niedrigschwellig. Niemand muss, aber jede und jeder darf. So entsteht kein Druck. Und wer sieht, dass es wirklich funktioniert, macht automatisch mit. Genau das war der Schlüssel: KI wurde bei uns nicht verordnet, sondern ausprobiert. Indem wir zeigen, dass wir in vielen Fällen auch nicht schlauer sind als der Rest des Kollegiums, ist bei den meisten die Scheu vor KI weggefallen. Man kann ja auch eigentlich nichts kaputt machen bei der Sache. Dadurch, dass wir alle daran irgendwie gemeinsam arbeiten, ist es auf dem Weg, zu einem selbstverständlichen Teil unserer Schulkultur zu werden.
Was war die größte Herausforderung auf dem Weg und wie haben Sie sie gelöst?
Andrea Krüger: Die größte Herausforderung war für uns, die unterschiedlichen Haltungen im Kollegium auszubalancieren, bzw. auszuhalten. Manche Kolleginnen und Kollegen waren sofort begeistert, andere eher skeptisch und natürlich gibt es Einzelfälle, die mit KI gar nicht arbeiten möchten oder können. Da intrinsische Motivation für die Thematik unabdinglich ist, zwingen wir auch niemanden – Wie auch? Das ist aber für uns alle in Ordnung. Wir wollten niemanden überfordern, also haben wir auf Freiwilligkeit gesetzt und den Fokus auf konkrete Alltagshilfen gelegt. Wenn jemand sieht, dass eine App tatsächlich beim Fördern hilft oder dass ein Textgenerator eine echte Zeitersparnis bringt, dann entsteht Offenheit von selbst.
Im Rückblick war das auch genau richtig so. Heute sind wir an einem Punkt, an dem sich niemand ausgeschlossen fühlt und an dem Neugier wichtiger ist als Perfektion.
- Drei Tipps für den KI-Einstieg
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Drei Tipps, die Andrea Krüger und Peter Freudenstein KI-interessierten Schulen mit auf den Weg geben:
1. Einfach anfangen.
Viele Schulen warten auf den perfekten Moment oder auf den Königsweg, aber den gibt es nicht. Durch trial & error sammelt man Erfahrungen, nimmt Unsicherheiten den Schrecken und merkt schnell, wie hilfreich KI im Schulalltag sein kann oder wo sie an ihre Grenzen stößt. Viele Firmen bieten kostenlose Nutzungszeiträume für Apps und Anwendungen an, die im Schulalltag auf den Prüfstand gestellt werden können. Ja: es ist mit Aufwand verbunden und ja: Es lohnt sich!
2. Man braucht ein Team, das trägt.
Ein, zwei Kolleginnen oder Kollegen, die ausprobieren, erklären und Mut machen reichen da schon aus. Das schafft Vertrauen im Kollegium und hilft, die Chancen sichtbar zu machen, statt nur über Risiken zu sprechen. Aus Angst führen Kollegen manchmal Negativargumente auf. Natürlich besitzen wir die Entscheidungshoheit und auch die Informationshoheit, welche Inhalte es in unseren Unterricht schaffen - doch das war auch ohne KI bereits der Fall. Wer jetzt denkt, wir fallen nun alle der Verblödung anheim, besitzt selbst zu wenig Medienkompetenz.
3. Immer vom Menschen aus denken.
KI ist kein Selbstzweck. Sie soll Lehrkräfte entlasten, nicht ersetzen, und Kindern neue Wege eröffnen, zu lernen. Wenn Pädagogik und Technik im Gleichgewicht bleiben, dann kann KI Schule wirklich besser machen. Fakt ist: Viele „große“ und zeitaufwändige Arbeiten kann man mit KI effizienter gestalten und Zeit sparen. Das schafft Platz für Schülergespräche, persönliche Rückmeldungen und Elternkontakt.