Lippe Berufskolleg Lünen

Zwischen Technik und Ethik: Wie das Lippe Berufskolleg Lünen KI erfolgreich in Schule und Beruf integriert

Steckbrief

Schulname: Lippe-Berufskolleg Lünen

Stadt: Lünen

Bundesland: Nordrhein-Westfalen

Schulform: Berufskolleg

Schüler:innen: ca. 2.100

Kollegium: ca. 130

Copyright: Patrick Eicke
Copyright: Patrick Eicke

So setzt das Lippe-Berufskolleg KI ein

Das Lippe-Berufskolleg Lünen (LBK) ist mit über 130 Lehrkräften und drei Fachbereichen (Wirtschaft & Verwaltung, Gesundheit & Soziales sowie Ernährungs- und Versorgungsmanagement) eine der größten Bildungseinrichtungen der Region. Die Schule steht für Durchlässigkeit, individuelle Förderung und praxisnahe berufliche Bildung. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) sind dabei fester Bestandteil des Schulprofils, strukturell abgesichert durch LOGINEO NRW, eine flächendeckende iPad-Ausstattung, Virtual-Reality-Anwendungen und ein eigenes KI-Konzept, das Unterricht, Organisation und Berufsorientierung miteinander verbindet.

Zentral ist die am LBK entwickelte Anwendung „Wizzy“, ein KI-Assistent, der Lehrkräfte bei der Planung und Dokumentation von Bildungsgängen unterstützt. Wizzy greift auf landesweit gültige Curricula, Kompetenzraster und Rahmenlehrpläne zu und erstellt daraus passgenaue Vorschläge für die didaktische Jahresplanung. Das spart Zeit, verbessert die Vergleichbarkeit und erhöht die Qualität der Unterrichtsplanung. Über die Plattform fobizz ist Wizzy inzwischen mit mehreren tausend Anwendungen deutschlandweit nutzbar.

Parallel dazu nutzen Schüler:innen das KI-Buddy-System: individuell angepasste Chatbots, die beim Lernen, in der Sprachförderung oder bei der Prüfungsvorbereitung helfen. Sie fördern Selbststeuerung, liefern Feedback und machen Lernprozesse adaptiv. Die Schule kombiniert dabei stets eingekaufte KI-Anwendungen und schuleigenen Lösungen und ermöglicht sowohl Lehrenden als auch Lernenden eine sichere, DSGVO-konforme und praxisnahe Nutzung von KI.

Stimmen aus der Praxis

Interview mit Linda Freier und Kai Manique
Wie verwandelt eine Schule erste KI-Experimente in eine gelebte Innovationskultur? Im Interview erzählen Linda Freier aus dem Team Digitale Unterrichtsentwicklung und Kai Manique, Oberstudienrat am Lippe Berufskolleg Lünen, wie strukturiertes Ausprobieren, Mut zur Zusammenarbeit und eigene KI-Tools ihre Schule Schritt für Schritt verändert haben.

Wie hat Ihre Schule die nötigen Kompetenzen entwickelt, um KI sinnvoll in Unterricht und/oder Schulorganisation zu integrieren?
Kai Manique: Der Einstieg gelang während der Corona-Pandemie: Das Kollegium erhielt einen einjährigen Fobizz-Zugang, der zur individuellen Fortbildung genutzt wurde. Daraus entstanden unser DIGI- & Kompetenz-Team, die Digitalisierung und später KI systematisch vorangetrieben haben. Wir haben interne Formate aufgebaut wie Digi-Cafés und Schwerpunkte bei pädagogischen Tagen gesetzt, die konkrete Unterrichtsszenarien vorstellten und Raum zum Ausprobieren boten. Anfang 2025 wurde ein KI-Werkstattbuch zum Prompten auf dem schuleigenen Helpdesk hinterlegt, sodass unser Kollegium eine Handreichung für die eigene Kompetenzentwicklung und als Unterrichtsmaterial nutzen konnte. Ergänzend liefert der „Digi-Tipp des Monats“ regelmäßige KI- Impulse. Ende 2024 wurde außerdem ein KI-Assistent entwickelt („Wizzy“), der bei der Erstellung und Pflege der Curriculumsarbeit unterstützt und im Juni 2025 bei Fobizz veröffentlicht wurde. Parallel entwickeln und arbeiten Schüler mit KI-Bots und nutzen XR-Technologie, z.B. im Rahmen von KAoA (BO) und reflektieren die KI-Nutzung u.a. mit Blick auf Verzerrungen (Bias), Halluzinationen und mediale Beeinflussung - so wächst KI-Kompetenz auf beiden Seiten.

 

Wie haben Sie erreicht, dass KI nicht als „Projekt Einzelner“, sondern als Gemeinschaftsaufgabe der Schule verstanden wird?
Linda Freier: Wir haben KI nicht für oder über „die eine begeisterte Kollegin“ oder „den einen Tüftler“ eingeführt, sondern über feste schulische Strukturen. Der Türöffner war die kontinuierliche Arbeit im Kollegium: Durch Digi-Cafés, Workshops und pädagogische Tage entstand früh eine offene Gesprächskultur, in der Neugier, Skepsis und Erfahrungen gleichberechtigt Platz hatten. Parallel bildeten sich Multiplikatoren, die sich durch learning by doing fortbildeten, Erkenntnisse teilten und sie als Digi-Tipp des Monats präsentierten. Daraus entwickelten sich Digi-Challenges, die den Spieltrieb vieler ansprachen und Lust auf Experimente weckten. Der Wunsch, vielen Zugang zu KI-Tools zu ermöglichen, führte zum Einsatz von Fobizz Tools-Lizenzen, ein dsgvo-konformer Weg, der Kooperation förderte und Tandems entstehen ließ. 2025 mündete dieser Prozess in Wizzy, einem KI-Assistenten mit Framework-Charakter. Daneben entstanden weitere KI-Bots, die an unserer Schule entwickelt und verbreitet wurden. Spätestens da wurde deutlich: KI ist bei uns kein Zusatzprojekt, sondern ein Werkzeug, das Teamarbeit erleichtert und Teil unserer Schulkultur ist.

 

Was war die größte Herausforderung auf dem Weg und wie haben Sie sie gelöst?
Kai Manique: Die größte Hürde war nicht der Umgang mit der Technik, sondern die sehr unterschiedlichen Reaktionen im Kollegium. Nach der Corona-Zeit war die Bereitschaft für „noch ein Digitalisierungsthema“ bei vielen erschöpft. Als ChatGPT Ende 2022 aufkam, reichte das Spektrum von Aufbruchstimmung bis totaler Skepsis. Statt Druck aufzubauen, setzten wir im Kollegium auf Gespräche auf Augenhöhe, Geduld und das Prinzip: lieber ermöglichen als verordnen. Es ging darum, Unsicherheit ernst zu nehmen, Fragen zuzulassen und erste Erfahrungen zu begleiten, ohne sofort alles perfekt machen zu müssen. Unser Kollegium konnte so in seinem Tempo eigene Zugänge finden. Viele haben so Schritt für Schritt Vertrauen aufgebaut - und KI als Werkzeug entdeckt, nicht als Bedrohung oder Zeitverschwendung. Diese Offenheit spüren wir heute deutlich. Aber: Nicht alle sind schon da oder wollen diesen Weg bis zum Ende mitgehen. Auch das gehört dazu. Veränderung ist kein Sprint,

Drei Praxistipps für den KI-Einstieg
Diese drei Empfehlungen geben Linda Freier und Kai Manique vom Lippe Berufskolleg Schulen, die jetzt selbst mit KI durchstarten wollen:


1. Baut Wissen systematisch auf
Linda Freier: Startet nicht mit dem neuesten KI-Werkzeug, sondern mit einem Verständnis dafür, was KI kann – und was nicht (z.B. durch Micro-Fortbildungen oder schulinternes Arbeitsmaterial). Lehrkräfte und Schüler:innen müssen wissen, wie KI funktioniert, welche Grenzen es gibt (Bias, Halluzinationen, Datenschutz) und wie man Ergebnisse kritisch prüft. Ohne diese Basis wird aus „Innovation“ schnell Improvisation.


2. Macht KI greifbar – mit echten Unterrichtssituationen
Kai Manique: Fangt mit konkreten, niedrigschwelligen Szenarien an (z. B. Textfeedback, Sprachtraining, Strukturhilfen) und begleitet diese didaktisch. Keine Pilotprojekte, die im Lehrerkollegium verpuffen, sondern gezielt einführen, reflektieren, anpassen. Lehrkräfte sollten selbst ausprobieren und verstehen, bevor sie KI mit Schüler:innen nutzen. Wichtig: Besser wenige Tools klug nutzen als zehn chaotisch.


3. Entwickelt eine Kultur des Teilens
Linda Freier: Bindet euer Kollegium und die Schüler:innen früh ein. Gute KI-Nutzung wächst aus einer Schulkultur, die Fehler zulässt, Neugier fördert und Vielfalt aushält. Schafft Räume wie Digi-Cafés oder kleine Challenges, in denen Kolleg:innen Erfahrungen austauschen. Und ja: Nicht alle

  • Copyright: Patrick Eicke
    1 / 3 Foto: Copyright: Patrick Eicke
  • Linda Freier, Team Digitale Unterrichtsentwicklung und Kai Manique, Team LBK Digital
    2 / 3 Foto: Linda Freier, Team Digitale Unterrichtsentwicklung und Kai Manique, Team LBK Digital
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Die LBK legt großen Wert auf Verantwortung und Transparenz. Nutzungsvereinbarungen, Einführungs- und Sensibilisierungstage sowie Unterrichtseinheiten zu Medienethik und Manipulation durch KI fördern ein reflektiertes Bewusstsein. In Workshops und Fortbildungen des schuleigenen Digi-Cafés lernen Schüler:innen und Lehrkräfte, wie Prompts, Quellenbewertung und Bias-Kritik funktionieren. So entsteht eine Kultur des kritischen, bewussten Umgangs mit KI.

Didaktisch verändert die Technologie das Lernen grundlegend: Adaptive Systeme unterstützen Binnendifferenzierung, automatisiertes Feedback beschleunigt Lernfortschritte, und fächerübergreifende Projekte verknüpfen Theorie und Praxis. In beruflichen Kontexten simulieren Schüler:innen Bewerbungsgespräche mit KI, analysieren Geschäftsdaten oder trainieren sprachliche Fachkompetenzen für Handel, Pflege und Verwaltung. KI wird so zum Werkzeug für praxistaugliche Handlungskompetenz.

Auch Verwaltung und Organisation profitieren: Wizzy erstellt Vorlagen, Klausuren, Abbildungen und Formulare, während KI-gestützte Workflows Fehlzeiten, Ausbildungspläne oder Praxiseinsatzübersichten strukturiert und anonymisiert auswerten. Lehrkräfte berichten von spürbarer Entlastung, da Routineaufgaben automatisiert werden und mehr Zeit für pädagogische Arbeit bleibt.

Die Nachhaltigkeit ist gesichert: Fortbildungen, regelmäßige Evaluationen und die enge Zusammenarbeit mit der Bezirksregierung Arnsberg sowie internationalen Partnern (Erasmus+) sichern die Weiterentwicklung. Durch diese breite Verankerung ist das LBK Lünen zu einem Modell für KI-Integration in der beruflichen Bildung geworden: praxisnah, ethisch reflektiert und zukunftsorientiert.

E-Mail: info@atlbk-luenen.de

Telefon: 02306 / 100-410

Website: www.lippe-berufskolleg-luenen.de