Steckbrief
Schulname: Stiftland-Gymnasium Tirschenreuth
Stadt: Tirschenreuth
Bundesland: Bayer
Schulform: Gymnasium (NTG, SG, WWG)
Schüler:innen: ca. 710
Kollegium: ca. 75
So setzt das Stiftland-Gymnasium KI ein
Das Stiftland-Gymnasium Tirschenreuth liegt im Nordosten Bayerns, nahe der Grenze zu Tschechien. 710 Schüler:innen und 75 Lehrkräfte lernen hier. Ein Teil der Schülerschaft kommt aus Tschechien, wodurch Mehrsprachigkeit und Internationalität fest zum Schulalltag gehören.
Besonders bemerkenswert: Die Schule betreibt einen eigenen KI-Hochleistungsserver vor Ort. Auf dem sogenannten on-premises-System laufen rund 20 spezialisierte Open-Source-Sprachmodelle, gesteuert über die Benutzeroberfläche „open-webui“. Ein Modell ist direkt an die Moodle-Lernplattform angebunden, zusätzlich nutzen Lehrkräfte und Schüler:innen schulKI.de. So entsteht eine Infrastruktur, die Datenschutz, Flexibilität und technologische Unabhängigkeit verbindet.
KI ist damit in Tirschenreuth längst Alltag. Lehrkräfte nutzen sie, um Übungsaufgaben zu generieren, Texte zu vereinfachen oder individuelle Rückmeldungen zu geben. Schülerinnen und Schüler setzen sie ein, um sich Inhalte erklären zu lassen oder eigene Projekte umzusetzen. Besonders in Informatik entstehen beeindruckende Anwendungen: In der Oberstufe trainieren Schüler:innen eigene Modelle, bereiten Datensätze vor und entwickeln KI-gestützte Programme – von der Sentiment-Analyse bis zu Lernhilfen für jüngere Klassen.
Auch fächerübergreifend spielt die Technologie eine Rolle. In 3D-Druck-Projekten werden mit KI entworfene Grafiken in CAD-Modelle überführt und anschließend ausgedruckt. In den Sprachen entstehen Hörübungen aus KI-generierten Dialogen. So verbinden sich Kreativität, Technik und Sprachpraxis zu neuen Lernformen.
Stimmen aus der Praxis
- Interview mit Martin Putzlocher, stellvertretender Schulleiter
-
Wie entsteht an einer Schule eine echte Innovationskultur, getragen von Technikbegeisterung, Experimentierfreude und einem starken Gemeinschaftsgefühl? Im Interview erzählt Martin Putzlocher, stellvertretender Schulleiter am Stiftland-Gymnasium Tirschenreuth, wie seine Schule KI Schritt für Schritt in Unterricht und Organisation verankert hat – und warum dabei sowohl Hartnäckigkeit als auch Humor unverzichtbar waren.
Wie hat Ihre Schule die nötigen Kompetenzen entwickelt, um KI sinnvoll in Unterricht und/oder Schulorganisation zu integrieren?
Die Schule ist ja eine Gemeinschaft von Personen. Eine Kultur des Förderns von neuen Ideen und ein Gewähren von Freiheiten hat zur Movitation Neues auszuprobieren beigetragen. Die einzelnen Menschen, die heute hier Ihre Kompetenzen einbringen, haben diese Kompetenzen im (Selbst-)Studium und durch Erfahrung erworben und gemeinsam weiterentwickelt – und zwar teilweise über Jahrzehnte hinweg. Maßgebliche Voraussetzungen sind technisches Interesse, eine gewisse Hartnäckigkeit und Freude am Basteln und Experimentieren bei einem Kernteam von Pädagogen. Externe und interne Fortbildungen, Mini-Fortbildungen in Pausen, Workshops und auch BarCamps in lockerer Atmosphäre haben dazu geführt, dass ein Großteil des Kollegiums – und die Schulleitung sowieso – KI in den Unterrichts- und Arbeitsalltag integriert.
Welche Strukturen oder Formate haben geholfen, dass alle Beteiligten (Kollegium, SuS, Eltern) im Austausch bleiben?
Die wesentlichste Struktur ist die verbindlich eingeführte Lernplattform als Kommunikationsmittel über die gesamte Schulfamilie hinweg. Dort können alle unkompliziert mit jeder Person an der Schule kommunizieren und dort können sich Interessengruppen treffen und zeitlich und räumlich unabhängig austauschen. Das gilt für Schülerinnen und Schüler, deren Eltern und die Lehrkäfte.
Innerhalb des Kollegiums hat sich ein "Medienteam" gebildet, das aus interessierten Lehrkräften – teils mit technischem, medienpädagogischem oder wirtschaftswissenschaftlichem Hintergrund – besteht und das sich regelmäßig vor Ort austauscht.
Elternabende und Klassenelternabende vor Ort in der Schule mit bewusster Themenwahl intensivieren den Kontakt zu den Elternhäusern unserer Kinder.
Wichtig ist es für uns auch mit dem Sachaufwandsträger und den technischen Systemadministratoren im ständigen Austausch auf Augenhöhe zu stehen. Das gelingt durch täglichen persönlichen Austausch vor Ort.
Und der Rückhalt einer weiteren Gruppe von Personen darf für das Gelingen von Innovation nicht vergessen werden: Die politischen Amtsträger machen die Handlungsfähigkeit der Schulen vor Ort zur Chefsache, sodass Investitionen – insofern finanziell möglich – stets auf die Bedürfnisse der Schulen abgestimmt werden.
Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl: „Jetzt verändert KI wirklich etwas an unserer Schule?“
Als der Fachbetreuer für Latein mir ganz begeistert und überrascht auf der Treppe erzählt hat, dass die KI ja wirklich gut Latein kann und die Übersetzung nicht nur erstaunlich gut hinbekommt, sondern dem Schüler auch noch erklären kann, warum und wieso die Übersetzung genau so zustande kommt.
Wie haben Sie erreicht, dass KI nicht als „Projekt Einzelner“, sondern als Gemeinschaftsaufgabe der Schule verstanden wird?
Indem wir uns von Anfang an fachlich und personell breit aufgestellt haben. Aber wir ca. sieben Personen aus dem Medienteam hatten unabhängig voneinander ohnehin schon ähnliche Ideen und schon damit begonnen, vieles auszuprobieren. Hinzu kommt, dass wir seit 2013 durchgehend als Versuchsschule an diversen Schulversuchen teilnehmen.
Die Ansage „das ist jetzt unsere gemeinsame Aufgabe und alle sollen sich damit beschäftigen“ kam freilich auch durch die Schulleitung in der Lehrerkonferenz, aber diese Aufforderung war eigentlich schon gar nicht mehr nötig.
Auch bottom-up kamen jede Menge Impulse durch die Schülerinnen und Schüler, die aktiv nach KI-Einsatz im Unterricht gefragt haben.
Was war die größte Herausforderung auf dem Weg und wie haben Sie sie gelöst?
Die fast eingestellte Hardware-Unterstützung für unsere GPUs, die wir durch die Kontaktaufnahme mit den Entwicklern der von uns eingesetzten Plattform für die large language models lösen konnten: https://github.com/ollama/ollama/issues/12600
Die zweitgrößte Herausforderung war: Die korrekte Konfiguration der UTM-Firewall! Die Vielzahl an Subnetzen und VPN-Tunneln mit bestimmten Zielnetzen und mehreren DNS- und DHCP-Servern inklusive der Telefonanlage hat uns fast an die Verzweiflung gebracht. Tagelang haben wir nur an dieser Konfiguration der Absicherung des Schulnetzes mit ca. 250 Regeln gearbeitet. Aber jetzt wo’s läuft, möchten wir das „unified threat management“ nicht mehr missen. Wie wir es gelöst haben? Ganz viel Trial-and-Error, Lesen von Handbüchern und mit Hilfe von KI-Assistenten, die sich wirklich gut mit Netzwerktechnik auskennen.
- Drei Praxistipps für den KI-Einstieg
-
Drei Tipps von Martin Putzlocher, wie der KI-Einstieg gelingen kann:
Schafft gemeinsame zeitliche Freiräume für ein Team von motivierten Lehrkräften, die vorangehen wollen. Nur echtes Teamwork ermöglicht einen schulweiten Effekt und Teamwork benötigt Zeit. Es reicht ein Kernteam von fünf Personen zu haben. Das weitere Kollegium kann man dann mit schulinternen Mini-Fortbildungen neugierig machen und in Freistunden oder Mittagspausen erreichen. Mit vielen kleinen Schritten kommt man auf Dauer weiter.
Achtet darauf, dass Euer Team aus Personen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und fachlichen Hintergründen zusammengesetzt ist. Wesentlich ist, dass sowohl jemand von der Schulleitung als auch vom Sachaufwandsträger und jemand mit praktischen technischen Kenntnissen dabei ist.
Haltet den Zugang zum KI-System und die Bedienung so einfach und so barrierefrei wie möglich. Kompliziertes Anmelden oder digitales Umorganisieren kostet zu viel Zeit in der Unterrichtsstunde und jede Minute der Unterrichtszeit ist kostbar. Dazu müsst Ihr nicht das Rad neu erfinden, aber echte Innovation kommt nicht durch kommerzielle Anbieter.